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Informationsveranstaltung (§ 3 Abs. 1 BauGB) zum TAL-Center

Am Dienstagabend fand im Tal-Center von Marzahn-Hellersdorf eine Informationsveranstaltung statt, die von Bezirksstadträtin Heike Wessoly eröffnet wurde. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Pläne für die Errichtung von rund 600 neuen Wohnungen auf dem Gelände des Einkaufszentrums, das bereits seit einiger Zeit von Leerstand betroffen ist. Die Veranstaltung war Teil des Bebauungsplanverfahrens und sollte den Anwohnern die Möglichkeit bieten, ihre Bedenken und Ideen zu äußern. Doch die Atmosphäre war angespannt, und die Anwohner waren mit einer Vielzahl von Fragen und Zweifeln konfrontiert.

Die Anspannung der Bezirksstadträtin und die Erwartungen der Bürger

Bereits zu Beginn um 18 Uhr war die Anspannung bei Heike Wessoly spürbar. Die Bezirksstadträtin trat vor die versammelten 150 Bürger sowie Vertretern des Bezirks, Investoren und versuchte, Optimismus über die bevorstehenden Veränderungen zu verbreiten. „Hier ist noch nichts in Stein gemeißelt“, betonte sie mehrmals und wollte den Anwohnern das Gefühl geben, dass ihre Stimme gehört wird. Dennoch war die Skepsis im Raum offensichtlich. Anwohner äußerten, dass sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlten und bereits jetzt mit einem Mangel an Infrastruktur konfrontiert seien.

„Wir sind nicht gegen neue Wohnungen“, sagte ein Anwohner, „aber die Infrastruktur ist schon jetzt überlastet. Wo sollen die neuen Bewohner ihre Kinder zur Schule schicken?“ Ein anderer Bürger fügte hinzu: „Die Ärzte hier sind überlastet. Ich musste wochenlang auf einen Termin warten!“

Die Bürger forderten nachdrücklich, dass vor dem Bau neuer Wohnungen die bestehende Infrastruktur verbessert werden müsse.

„Erst Infrastruktur, dann Neubau“

vom Regierenden Bürgermeister Kai Wegner
(im Rahmen seiner Dialogreihe „Kai Wegner vor Ort“ vom 22. September 2025)

… , lautete der einhellige Tenor des Bürgerbeirats „Zukunft Tal-Center“, der sich im Juli 2023 formierte, um die Interessen der Anwohner zu vertreten. Jörg Bahmann, ein Mitglied des Beirats, sagte: „Die Kommunikation war unzureichend. Wir haben immer nur das bekommen, was unbedingt notwendig war.“

Infrastrukturprobleme und medizinische Unterversorgung

Ein zentrales Anliegen der Anwohner ist die gesundheitliche Versorgung im Bezirk. Marzahn-Hellersdorf hat eine der niedrigsten Versorgungsquoten bei Hausärzten in Berlin. Mit weniger als 82,6 Prozent ist der Bezirk erheblich unterversorgt. Dies wurde während der Veranstaltung deutlich, als Bürger ihre Besorgnis über die bereits bestehenden Engpässe im Gesundheitswesen äußerten. „Die Daseinsfürsorgepflicht des Staates wird hier nicht erfüllt“, rief eine besorgte Anwohnerin in die Runde und erntete zustimmendes Nicken.

Die Anwohner machten deutlich, dass sie nicht grundsätzlich gegen den Bau neuer Wohnungen sind, jedoch die bestehenden Versorgungsstrukturen dringend verbessert werden müssen, um die Lebensqualität im Kiez nicht weiter zu gefährden.

Pläne für das Tal-Center: Skepsis gegenüber den Vorstellungen

TAL-Center (Auftaktveranstaltung) OIB-GEWOBAG [OstWest-Draufsicht]
Visualisierung des geplanten neuen TAL-Center

Die geplanten Neubauten umfassen einen 20-stöckigen Turm sowie mehrere Siebengeschosser. Markus Terboven, Vorstandsmitglied der Gewobag, präsentierte die Pläne als „nahezu genial“ und versprach, dass die neuen Wohnungen auch mit einer verbesserten Infrastruktur einhergehen würden. „Wir werden die bessere Infrastruktur mit dem Wohnungsbau verknüpfen“, sagte Terboven, doch viele Anwohner waren skeptisch.

TAL-Center (Auftaktveranstaltung) OIB-GEWOBAG [Dachaufsicht]
Dachaufsicht mit den Außenanlagen [1:1000]

„Wir wollen die Wohnungen aber nicht“, rief ein Mann aus dem Publikum. Diese Aussage spiegelte die allgemeine Unzufriedenheit wider. Die Bürger befürchten, dass die neuen Bauprojekte ihre Lebensqualität beeinträchtigen werden, und äußerten Bedenken hinsichtlich Schattenwurf und steigender Kriminalität.

Die neuen Wohnungen

Um den unterschiedlichen Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner gerecht zu werden, sieht das Projekt eine differenzierte Verteilung der Wohnungen vor. Die folgende Tabelle zeigt die geplante Verteilung der Wohnungen nach Wohnberechtigungsscheinen (WBS):

WBS-KategorieNetto-Kaltmiete (€/m²)Anteil der Wohnungen (%)
Ohne WBSca. 15 Euro20%
WBS 22011,50 Euro30%
WBS 1809,50 Euro20%
WBS 100/1407,00 Euro30%

Diese Verteilung soll sicherstellen, dass sowohl einkommensschwächere als auch normalverdienende Familien in dem neuen Wohnraum ein Zuhause finden können. Dennoch äußerten einige Anwohner, dass sie sich vor einer Überlastung der bestehenden Infrastruktur fürchten, insbesondere wenn in der näheren Umgebung gleichzeitig neue Wohnungen entstehen.

Protest beim Spaziergang: Bürger zeigen Unmut

Bereits am Nachmittag um 16 Uhr, vor der Informationsveranstaltung, hatten sich Anwohner zu einem Spaziergang um das Tal-Center versammelt. Bei dieser Gelegenheit hatten sie Transparente aufgehängt und mit Kreide auf den Boden geschrieben. Slogans wie „Beton frisst Lebensqualität“ waren zu lesen. Diese Aktionen verdeutlichten, dass die Bürger nicht nur passiv auf die Pläne reagieren, sondern aktiv ihren Unmut kundtun wollen. Der Spaziergang diente nicht nur als Ausdruck des Protests, sondern auch als Plattform, um ihre Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Von links: Jög Bahmann, Mandy Neubauer & Hanni Reuter. Beim Kiez-Spaziergang am Fortuna-PARK vom 20.01.26 | Quelle: Facebook (Gordon Lemm)
Gruppe beim Kiez-Spaziergang am Fortuna-PARK vom 20.01.26 | Quelle: Facebook (Gordon Lemm)

Zusätzlich zur Kreideaktion gab es eine besondere Protestform: Anwohner hängten Bettlaken über Balkone, insbesondere nördlich des Tal-Centers, um auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen. Diese Aktion war eine direkte Reaktion auf die geplanten Neubauten, die in unmittelbarem Vergleich zu den bereits bestehenden 11-geschossigen Gebäuden in der Schwarzburger Straße stehen. Die Anwohner wollten damit verdeutlichen, dass sie sich gegen eine weitere Verdichtung des Wohnraums im Kiez wehren.

Von den Balkonen der an das Tal-Center angrenzenden Wohnungen hingen Protest-Plakate.
© BM | Oskar Paul

Bürgerbeteiligung: Ein zweischneidiges Schwert

Obwohl die Veranstaltung Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung bot, waren viele Anwohner skeptisch, ob ihre Anliegen tatsächlich Gehör finden würden. Die Veranstalter hatten eine Box für Anliegen aufgestellt und ein Online-Informationsportal eingerichtet. Doch die Erfahrungen mit der bisherigen Kommunikation ließen Zweifel aufkommen. Ein Bürger äußerte: „Die Einladungen zur Veranstaltung kamen oft zu spät oder gar nicht an. Wir fühlen uns nicht ernst genommen.“

Fazit: Ein langer Weg zur Einigung

Die Informationsveranstaltung im Tal-Center zeigt, wie herausfordernd die Balance zwischen Neubauprojekten und den Bedürfnissen der Anwohner ist. Während die Gewobag und OIB versuchen, die Pläne als positiven Beitrag zur Stadtentwicklung zu verkaufen, stehen die Anwohner diesen Vorhaben skeptisch gegenüber. Sie fordern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren Anliegen und eine Verbesserung der bestehenden Infrastruktur.

Der Erfolg des Projekts wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit die Wünsche und Bedürfnisse der Anwohner in die Planungen einfließen und ob das Vertrauen in die Politik wiederhergestellt werden kann. Der Weg zur Einigung zwischen Bauherren und Anwohnern wird nicht einfach sein, und es bleibt